ILSE HAIDER
go to reference
Nachdem Ilse Haider sich und ihre überlebengsgroße Plastik Mr. Big im Wiener Museumsquartier exponiert hat, steht jetzt öffentliche Nacktheit und ihre mediale Vermittlung im Mittelpunkt der Ausstellung. An die Stelle von Inszenieren und Fotografieren treten Recherche und Auswahl und die Bezugnahme auf zentrale Sujets des Themas. Mit der Auswahl von fremden Perspektiven auf Nacktheit thematisiert Ilse Haider, dass Fotos selbst Inhalte darstellen, insofern sie historisch bedingt sind und demonstriert gleichzeitig, dass der künstlerische Akt auch im Aufarbeiten solcher Inhalte bestehen kann. go to reference bedeutet damit auch die Bezogenheit des Mediums, seine unendliche Fülle an Realitäten, zu vergegenwärtigen.
Am Beginn der Nacktfotografie standen Anleihen an der Malerei, die Nacktheit verträglich machen sollten, genauso wie die Bühnenkunst sich auf antike Skulpturen bezog um ihr neues Thema salonfähig zu machen. Die Nacktauftritte der Bühnenkünstlerinnen waren als bewusster Akt konzipiert; eine Performerin wie Olga Desmond ein Superstar ihrer Zeit, die auch Literaten wie Kafka inspirierte. Bei ihren Shows posierte sie bewegungslos mit ihrem Partner Adolf Salge, in Nachahmung antiker Statuen und umging damit die moralischen Schranken der Zeit. Ilse Haider setzt eine fotografische Darstellung dieser Inszenierungen in ihrer charakteristischen Technik der dreidimensionalen Fotografie von Fotoemulsion auf Holz um. Haider verwendet also die klassisch analoge Technik der Belichtung und Entwicklung in der Dunkelkammer um eine historische Fotografie zu reproduzieren. Erweitert um die räumliche Ebene versucht sie den dargestellten Motiven Raum und Präsenz zu verleihen, ein Streben dem freilich Grenzen gesetzt sind und das auch die dem Medium inhärente Wehmut deutlich macht.

Referenz bedeutet bei dieser Arbeit auch Referenz auf das eigene Oeuvre, hat Haider diese Technik doch am Beginn dazu verwendetet, Abbildungen antiker Plastiken dreidimensional darzustellen. Durch das Aufsplitten des Bildes im Raum muss der perfekte Blickwinkel gefunden werden, von dem aus das Motiv vollständig und in seiner räumlichen Tiefe erfasst werden kann. Das zwingt den Betrachter quasi in eine Schlüssellochposition, er muss versuchen den Blick auf die Nacktheit zu erhaschen. Voyeurismus als Grundmotiv und -position ist zweifelsohne dem Medium Film zuzuordnen. Hedy Lamarrs Darstellung in der österreichisch-tschechischen Produktion Ekstase (1933) gilt als eine der ersten Nacktszenen der Spielfilmgeschichte und als die erste Darstellung sexueller Lust außerhalb pornographischer Produktionen. Diese konnte freilich nur im Gesicht der Schauspielerin erahnt werden.
Während die Darstellungen auf Peddigrohr die visuelle, distanzierte Schaulust thematisieren, verleihen die Darstellungen auf reliefartigem Hintergrund den Bildern etwas Dreidimensionales und Lebendiges auf einer direkteren, haptischen Ebene. Haider setzt damit eine Darstellung um, bei der sich George Bernard Shaw einer Gruppe von im Gras sitzenden Nudisten annähert und dabei tatsächlich den Eindruck erweckt, diese, ungläubig staunend, betasten zu wollen.
Mit den Nudisten wird eine Entwicklung auf breiterer Ebene nachvollzogen, die die Tänzerinnen und Performerinnen der 1910er und 20er Jahre in der Kunst vorgelebt hatten: Nacktheit als Befreiung aus einem modischen und moralischen Korsett. Der unbekleidete Körper, wie er in dieser Zeit zelebriert und auch von den Wiener Fotoateliers der 1920er Jahre (d´Ora/ Benda, Trude Fleischmann) für Werbesujets abgelichtet wurde, wandelte seine Bedeutung in der Zeit des Faschismus von Befreiung und Freizügigkeit zu Gesundheit und Kampfbereitschaft.
In der deutschen Nachkriegszeit konnte die unverhüllte Hildegard Knef in Die Sünderin zum Aufhänger für die moralische Entrüstung einer Nation werden, die sich selbst moralisch korrumpiert sah.
In dieser Zeit setzt auch ein Bildarchiv ganz anderer Art ein, dass im Video Ilse Haider featuring The Unknown Author: The nude body scrapbooks 1945 - 1976 aufgearbeitet ist. Über 100 Schulhefte, collagiert mit Ausschnitten aus Zeitungen und Filmzeitschriften geben einen Überblick über die Film- und Fernsehstars der Zeit und wurden, zunehmend pornographisch, zu einem Archiv medialer Bilder von Nacktheit. Die Hefte sind am Flohmarkt in den Besitz Ilse Haiders gelangt; wer der Urheber dieser Sammlung ist, bleibt im Dunklen. Dass diese Person selbst ein Mann war, kann nur vermutet werden. Das Ausstellen dieser Hefte im Video stellt auch eine Referenz auf ihre Funktion als Bildarchiv und Ausgangsmaterial für die Arbeit der Künstlerin dar.
Herbert Schnepf, 2013
Mit freundlicher Unterstützung von IMAGNO / BRANDSTÄTTER IMAGES
VIENNA GALLERY WEEKEND 3.-.5.2013 // LE PROGRAMME
Video Screening Ilse Haider, 04.05.2013, 11-19 Uhr
Führung mit Bettina Steinbrügge durch die Galerien der Eschenbachgasse, 05.05.2013, ab 14 Uhr
Ausstellung bis 31.5.2013
Ilse Haider, „Isadora Duncan (1877-1927) – Foto: The Dover Street Studios“, 2013